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Begegnung mit Leben und Landwirtschaft in North Dakota

Kulm aus dem Flugzeug
Der Flughafen von Kulm

Sechs Wochen Kulm – klingt erst einmal nicht so spannend, wird es aber, wenn klar wird, dass das gemeinte Kulm keineswegs in Deutschland, sondern in North Dakota liegt!

24 Stunden war Maximilian Hagelschuer unterwegs, um dieses Kulm zu erreichen. Zwei Flüge fielen aus, er musste dreimal umsteigen und ist am Schluss dann mit nur fünf Leuten zu seinem Bestimmungsort geflogen, um rechtschaffen übermüdet in eben dem genannten Ort anzukommen.

Was hat ihn dorthin gebracht? Die Landwirtschaft, denn Maximilian ist 2014 landwirtschaftlicher Auszubildender im 2. Lehrjahr gewesen - mit  großem Interesse mehr von der Welt landwirtschaftlichen Gepflogenheiten zu sehen als nur den Heimatort Seppenrade. Da hatte er allerdings schon das erste Lehrjahr auf Rügen mit Ausflügen nach Polen und in die Ukraine hinter sich. Sein dortiger Lehrherr hatte ihm landwirtschaftliche Besonderheiten auf seinen Ländereien in den beiden osteuropäischen Ländern vermittelt, ein weiterer Bekannter auf Rügen die Adresse in den USA.

Der Ort

An seinem ersten Tag in Kulm, North Dakota,  zeigte ihm sein neuer Lehrherr für 6 Wochen, Lowell Burnston,  die Ländereien. Maximilian Hagelschuer erwartete eine Fahrt mit dem Pickup, durfte aber in eine Chessna  einsteigen. Auf dem Flug half dann zudem ein  Tablet, über das die Flächen genau ausgekundschaftet werden konnten.

In diesen Dimensionen sollte sich der gesamte Aufenthalt bewegen, obgleich Kulm mit seinen nicht einmal 400 Einwohnern doch so klein ist. Gegründet wurde es vor 130 Jahren von deutsch-russischen Einwohnern. Die nächste größere Stadt  Jamestown liegt 40 Meilen entfernt und die Orte vor und nach Kulm reihen sich alle an einer Eisenbahnlinie entlang, mit deren  Weiterbau im vorletzten Jahrhundert dann auch immer ein neuer kleiner, von Siedlern gegründeter Ort entstand.

So hat dieses Kulm eine Reparaturwerkstatt für Landmaschinen mit angegliedertem Café-Betrieb für die dort lebenden Landarbeiter oder Männer, deren Frau gerade mal nicht zuhause ist. Daneben gibt es auch noch einen Kiosk, der alles führt, was man so fürs Leben braucht. Weil Kulm so weit weg von allem liegt, kommt eigentlich auch niemals die Polizei, denn was soll schon passieren, außer dass ein Fremder zu schnell durchs Dorf fährt?  Der von den Kulmern gewählte und für das Gesetz zuständige Sheriff ist  - so Maximilian – ein ca. 85jähriger Opa. Passiert tatsächlich mal etwas, etwa dass ein Jugendlicher Reifen aufschlitzt, so regelt man das vor Ort und ohne große Worte oder etwa ein Verfahren.

Max Hagelschuers amerikanischer Arbeitgeber ist übrigens schottischer Herkunft und kann wie alle Familien dort sämtliche Ahnennachweise vorzeigen. Seine Frau kocht immer für alle, die drei Töchter studieren und haben kein Interesse an der Landwirtschaft. Und so wird Burnston, der eigentlich immer ganz locker ist - nur nicht während der Ernte, seine Ländereien eines Tages wohl verpachten.

Bemerkenswert fand der Praktikant, dass es überall W-LAN gibt, fast jeder einen Facebook-Account hat, aber Facebook tatsächlich im Alltagsleben der Menschen von  Kulm keine Rolle spielt. Man trifft sich eben in diesem Ort und macht Vieles gemeinsam.

Die Arbeit

Erfahrungen mit dem Arbeitsleben durfte Maximilian Hagelschuer reichlich machen. Sofort am ersten Tag ging es los mit der Soja-Bohnen-Ernte und er bekam dafür gleich einen eigenen Drescher, der allerdings die Dimensionen der hier handelsüblichen New-Holland-Maschinen deutlich sprengte, nämlich mit einem 13,5 Meter breiten Schneidwerk. Mit dem musste er dann auch über die Highways fahren, um von Feld zu Feld zu gelangen. Der Spaß mit den superschnellen Landmaschinen hörte dabei aber keineswegs wirklich auf. Denn die sechs Meter breiten Highways  haben rechts und links jeweils breite Senken für den verwehten Schnee im Winter. Da fuhr –so Maximilian -   jeder entgegenkommende Pickup freiwillig in den Graben. Vor den Landmaschinen habe in North Dakota jeder Achtung!

Auf dem Betrieb von Burnston werden die riesigen Sojamengen in erster Linie für die Vermehrung als sogenannte Soja-Turbins angebaut. Aus ihnen werden dann später die sogenannten mexikanischen Bohnen. Daneben gab es Maisfelder (Futtermais), aber eine wesentlich geringere Viehdichte als bei uns in Deutschland. Übrigens leben auch nur 1,6 Mio. Einwohner auf einer Fläche, die  zwei Drittel von Deutschland umfasst.

Jeder Arbeitsmorgen begann um sieben Uhr  in der örtlichen Werkstatt, einem Vollbetrieb mit Kundenservice, zu dem sogar einen Popcorn-Automaten gehört. Die gründliche Ausbildung im väterlichen Betrieb von Kindesbeinen an sowie die Erfahrungen beim Seppenrader Lohnunternehmer haben sich in North Dakota ausgezahlt: Maximilian reparierte in der Werkstatt selbständig einen Lagerschaden, und als einmal eine Landmaschine nicht mehr laufen wollte, erkannte er, dass der Überladeschutz gebrochen war.

Der Auszubildende fuhr 600 PS-Trecker,  bearbeitete 400 ha am Stück  und lud auf jeden LKW 43 Tonnen Soja: „Maschinen müssen laufen.“ Die Tanks für Dünger fassten locker 5000 Liter und mit einem Pickup konnte man gut 10 Tonnen ziehen. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser zumindest auf dem Land meistgefahrene Fahrzeugtyp auch gut 40 Liter Diesel auf 100 km verbraucht. Bei Dieselpreisen unter 50 Cent kein großes Thema für die Amerikaner! Jedes Fahrzeug habe 300 bis 400 PS und sei innen immer top ausgestattet.

Max Hagelschuer hat für sein Praktikum sogar Geld bekommen, hatte immer ein Auto zur Verfügung und bekam – neben unentgeltlichen Mahlzeiten den Heimflug auch noch geschenkt. Der achte Deutsche im Betrieb des Amerikaners schottischer Herkunft  glänzte mit seinen Kenntnissen in der Fahrzeugbetreuung und des Ernteeinfahrens. So hat er drei Jobangebote bekommen, arbeitet mittlerweile aber als fertiger Landwirt wieder auf dem elterlichen Betrieb in Seppenrade mit eigenem Verantwortungsbereich.

Die Freizeit

Der deutsche Praktikant verbrachte seine Freizeit während der Woche im Ort, wo er sich bei jedermann willkommen fühlte und immer großzügig bewirtet wurde. Alkohol gab es für den zum Zeitpunkt der Reise 17-jährigen aber nirgendwo außerhalb des Gastgeberhauses. Sonst wirklich nirgendwo – damit ist man in den USA offenbar ganz, ganz streng. Das gilt auch für den Waffenbesitz für Ausländer. Während jeder Amerikaner und jede Amerikanerin ab 12 (!) Jahren auf Antrag ohne Probleme eine sogenannte Jägerindentifikationsnummer erhält, gilt das nicht für jemanden ohne amerikanischen Ausweis!

Überhaupt die Waffen: Am Wochenende ging es in die nächstgrößere Stadt nach Jamestown. Dort gibt es einen Walmart, und darin wiederum nach den Regalreihen mit der Tiefkühlkost eine Regalreihe mit allen möglichen Waffen und sodann eine Regalreihe mit der jeweiligen Munition. Gezahlt wird an der Supermarktkasse unter Vorlage des Jägeridentifikationsnummer.

Maximilian fuhr auch in die Hauptstadt (auch North Dakota genannt) und schaute sich dort die Museen an; sein „Arbeitgeber“ nahm ihn mit zu Ausstellungen mit Fachvorträgen über Pflanzenbau. Eine Woche lang verbrachte er auf dessen Kosten auch in Washington, wo er mit acht Leuten zusammen auf einem Zimmer in einem Hostel lebte und so noch mehr Menschen kennenlernen konnte!

Der Praktikant  war im November in North Dakota. Da beginnt so langsam der Winter und es können nachts schon einmal -20 Grad werden und am Tag bei Sonnenschein auch durchaus wieder  +10 Grad. Ideales Wetter zum Eisangeln?!

Nach drei Tagen fahren die Rentner als erstes auf die gefrorenen Seen.  Brechen Sie ein, so hat es Gott so gewollt, schließlich sind sie sowieso die nächsten, die mit dem Sterben “dran“ sind. Hält das Eis, so folgen nach fünf Tagen alle anderen und schlagen ihre Angellöcher in die Seen.  Ist der Winter erst da, so lässt der nordamerikanische Landbewohner  „die Seele baumeln“. Viel gearbeitet wird nicht mehr, Angeln und Jagen sind die großen Themen der Männer, die Jagd- und Angeltrophäen dann zu verarbeiten und leckere Gerichte daraus zu kochen, anschließend die Aufgabe der Frauen. Aus den Schilderungen Max Hagelschuers wird deutlich, dass die Welt dort noch „in Ordnung“ ist, selbstverständliche Gemeinschaften gebildet werden, in denen jeder seine Aufgabe hat und sich geborgen fühlen kann.

Angeln durfte er, jagen aber nicht – mit einer Ausnahme, einem Notfall sozusagen. In der Gegend, in der Maximilian gearbeitet hat, gibt es nicht so viel Vieh. Und wenn mal ein Rind verendet, auch keine geregelte Viehverwertung. Also wird ein Frontlader genommen, auf dem Feld ein Loch gebuddelt und die Kuh hineingelegt. In diesem Fall hatten die Landwirte und Landarbeiter die Rechnung allerdings ohne die Wölfe gemacht, die sich prompt nachts zur gratis gelieferten Mahlzeit einfanden. Jetzt durften alle auf die Wölfe schießen!

Der sonntägliche Gottesdienst bringt übrigens am Sonntag bereits um acht Uhr morgens die meisten Leute von Kulm zusammen. Allerdings gibt es zwei Varianten – einen mit konventioneller Predigt und einen sehr unterhaltsamen mit Musik und Gesang. Egal welchen man besucht,  danach geht es ins Café.

Coming home

Maximilian Hagelschuer  ist von seinem Aufenthalt begeistert wieder heimgekehrt. Gerade hat er seine Prüfung als Landwirt mit 18 Jahren  bestanden und arbeitet jetzt für ein Jahr auf dem elterlichen Hof, um dann die landwirtschaftliche Fachschule in Münster zu besuchen. Deutsche landwirtschaftliche Betriebe seien zwar kleiner, die Arbeitsweise und Standards auf den heimischen Höfen aber überlegen, so seine Meinung. Die Erfahrungen kann ihm keiner nehmen. Sein Vater ist  von den Kenntnissen und Fähigkeiten des Sohns so überzeugt, dass dieser jetzt völlig selbständig die Einrichtung eines neuen Viehstalls betreut - im EU-Dschungel der Vorschriften auch keine leichte Aufgabe!

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Internationalisierung in der Landwirtschaft

Maximilian Hagelschuer aus der LA 22 hat jetzt über sein sechswöchiges Praktikum in den USA, North Dakota erzählt! Eine spannende Sache, die sich nachzumachen lohnt. Den ausführlichen Bericht gibt es hier!

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